Alles umsonst?

Aus aktuellem Anlass – eine Geschichte aus unserem Büro-Alltag: Die Anfrage zielte auf Top-Themen der Branche und renommierte Rednerinnen. Es ging um einen international bekannten Event. Richtig groß, mit Keynote-Speakern die fünfstellige Honorare aufrufen – in normalen Zeiten. Das Telefonat wurde dann aber relativ kurz. Auch diese Veranstaltung wird digital stattfinden, alles super geplant, fancy, alles online – und ohne Budget für unsere Expertinnen.

Corona-Honorare

Und das ist kein Einzelfall. Corona-Honorare eben. Aber was bedeutet das? Die Expertise und die Insights haben wir uns in Jahren aufgebaut. Wir haben viel Arbeit in die Aufbereitung gesteckt und mit unserem Leidenschaftsthema bereits reüssiert – kein Risiko für den Veranstalter, Relevanz und Aufmerksamkeit sind bereits mit unserem Namen im Line-up verbunden. Die Teilnehmer*innen an dieser Veranstaltung werden ihren „Eintritt“ auch bezahlen. Nur wir, die Expert*innen werden nichts davon haben – außer, dass wir präsent bleiben für eine Zukunft, die vielleicht wieder genauso analog wird wie früher, aber wer weiß das schon?

Wenn wir auf diese Angebote eingehen, machen wir uns und unseren Markt kaputt. Für viele Redner*innen sind ihre Auftritte nicht „nice to have“, sondern Existenzgrundlage. Es gilt nach wie vor die alte Weisheit: Was nichts kostet ist nichts wert. Sollen wir auf die Anerkennung für unsere Leistung verzichten, auf unsere Lebensgrundlage? Honorar ist Anerkennung, ganz einfach. Und im übrigen ist es ein großes Missverständnis anzunehmen, dass „online“ weniger aufwändig sei, als der Bühnenauftritt. Alles muss inhaltlich neu gedacht und neu strukturiert werden – mal abgesehen vom intelligenten, störungsfreien und technisch robusten Set-up für einen online-Auftritt:

Digital ist kein billiger Ersatz, sondern die Kür

Die Zuschauer sind leichter abgelenkt – der „Fishbowl-Effekt“, eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne, ist stärker. In der gleichen Zeit kann nur weniger Inhalt komprimierter präsentiert werden – alles muss prägnanter und kurzweiliger werden. Technische Störungen fallen letztlich auf uns zurück. Wir müssen das Publikum viel dichter an der Präsentation halten und anders einbinden, das muss ganz neu gelernt und ausprobiert werden. Nicht jede*r kommt damit zurecht, seine*ihre Zuhörer nicht zu sehen und die Reaktionen nicht unmittelbar wahrnehmen zu können. Es braucht viel Training und kostet massiv inhaltliche Arbeit sich darauf vorzubereiten. 1:1 kann kein analog erfolgreicher Auftritt umgesetzt werden, soviel ist mal klar.

Also: ein riesiger zusätzlicher und unbezahlter Aufwand für große Expertise, die in Jahren sorgfältig aufgebaut wurde – mit ungewissem Erfolg für uns? Ungewiss bleibt auch, wie „das neue Normal“ für Veranstaltungen aussehen wird. Die gesamte Event-Branche erlebt eine digitale Disruption – nicht weniger und nicht mehr. Auch Veranstalter graben sich selbst das Wasser ab und gefährden ihre Existenz, wenn nicht faire Wege und Business-Modelle gefunden werden, Relevanz und Vielfalt des Marktes in eine neue Zeit zu transformieren.

Mein dringender Appell:

Geht niemals ohne Honorar auf die digitale Bühne – außer für einen guten Zweck, der auch Renommee für Euch bedeutet. Je mehr wir uns da einig sind, umso besser überleben wir die Krise und umso weniger von uns werden in die private Insolvenz gezwungen.

Eure Regina Mehler



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Foto mit Harfe: Danila Giancipoli auf Pexels
Foto mit Cello: Kaique Rocha auf Pexels