Mit ihrem Buch „Reden? Sicher. Wirken!“ hat Esther Schweizer ihre Erfahrungen als Schauspielerin, Rednerin und Beraterin so aufbereitet, dass jede*r sofort einsteigen und loslegen kann: Herausgekommen ist ein „Arbeitsbuch“ für alle, die ihren nächsten oder auch ihren ersten Vortrag planen. Es ist leicht verständlich und überaus humorvoll geschrieben. Die Gestaltung ist sehr übersichtlich, der rote Faden folgt der zeitlichen Abfolge von der Initialzündung über die Vorbereitung bis zu Nacharbeiten und Manöverkritik eines Auftritts. So wird es einfach, immer wieder Technik und Inspiration genau an dem Punkt zu finden, an dem man es gerade braucht. Vor allem aber macht dieses Buch Mut, nimmt Zweifel und Ängste: Es macht den Schritt in die Sichtbarkeit beherrschbar und (noch) erfolgreich(er).

Unser Interview ist zu einem richtigen White Paper geworden: Mit ausführlichen Tipps und Tricks für die Vorbereitung und gegen Lampenfieber. 

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Frau Schweizer, Ihr Buch ist wirklich umfassend und enthält Checklisten, Übungen und weiterführende Links zu fast allen Aspekten, die ein*e Redner*in kennen sollte. Interessant ist auch Ihr Rat, die Vorgaben des Auftraggebers nie 1:1 zu erfüllen – was meinen Sie damit?

ESTHER SCHWEIZER: In meinem Coachings erlebe ich es immer wieder, dass eine Rednerin diese Frage nicht klar und eindeutig beantworten kann: Wer ist der*die Autraggeber*in? Mit anderen Worten … ich übertreibe, das macht es so schön anschaulich: „Ich gehe da mal hin. Ich weiß ja wann und wo ich sprechen soll“. Nein. Das reicht eindeutig nicht aus. Wer ist der Auftraggeber überhaupt?  Welche Erwartungen sollen und dürfen Sie mit Ihrem Auftritt erfüllen? Das kann der Chef sein oder jemand aus der nächsten Hierarchiestufe, der Sie bittet die nächste Präsentation vor Kunden oder auf einer internen Firmenveranstaltung zu halten. Oder es ist eine Event- oder Redneragentur. Es ist unabdingbar, besonders für das Vorgespräch, Fragen, Fragen und noch mal Fragen zu stellen.

Es sind nicht nur die Konditionen und Rahmenbedingungen zu klären und vertraglich festzuhalten. Sondern Sie benötigen diese Informationen entweder als gedankliche Grundlage oder für die weitere Ausarbeitung, Verfeinerung oder Ergänzung Ihrer Rede, Ihres Vortrags oder Ihrer Präsentation. Zur unabdingbaren Fleißaufgabe – deswegen nenne ich das Buch ja auch ein Arbeitsbuch – gehören u.a. Recherchen, auch wenn das Vortragsthema steht und das Motto des Kongresses, der Messe, bekannt ist.  Selbstverständlich gilt es Vorgaben zu erfüllen. Dafür benötigen Sie ebenfalls Fragen und wichtig – Antworten.

  • Warum will man GENAU Sie und warum?
  • Wer ist die Zielgruppe? Wer sitzt da im Parkett oder Im Konferenzraum?
  • Ist es ein Publikum aus Wissenden, kennt die Zuhörerschaft das Thema?
  • Nicht vergessen: Was ist die Aufgabe Ihres Beitrags? Wie sieht das komplette Programm rundherum aus?
  • Ist es Ihre Aufgabe mit Ihrem Thema zu informieren? Zu motivieren? Zu unterhalten?
  • Welche „Schmerzen“ haben Ihre Zuhörer? Steht vielleicht ein Change im Unternehmen an? Die Schlagwörter Innovation, Digitalisierung, Arbeiten in der Zukunft … worum geht es?
  • Wird die Rede per Video aufgezeichnet oder auch gleichzeitig per Live Stream im gesamten Saal oder auf FB übertragen? Werden Fotos gemacht?

Manchmal weiß das der*die Auftraggeber*in selbst gar nicht so genau. Dann sind Sie gefragt. Erst wenn die Erwartung – der Need – Ihres Auftraggebers oder Ihrer Auftraggeberin verstanden wird, können Sie Erwartungen der Zielgruppe oder des Publikums erfüllen und auch ein wenig brechen: Weil Sie die „Schmerzen“ verstanden haben.

Esther Schweizer WSF BLOG

Wer sichtbarer werden möchte und sich zukünftig – ob im Job oder auf der nächsten Karrierestufe, positionieren will, sollte Vorgaben und scheinbare Gesetzmäßigkeiten nicht nur 1:1 professionell erfüllen. Besonders, wenn Sie für ein Thema stehen und bekannt sind, man vermeintlich glaubt Sie und Ihren Vortrag zu kennen: Bleiben Sie überraschend und erfüllen die gewünschten Vorgaben nicht nur zur Zufriedenheit, sondern mit einer besonderen Note der Exzellenz. Das macht Sie für Ihre Auftraggeber*innen und weitere Engagements noch attraktiver. Ja, und deswegen gibt es die eine oder andere Checkliste in meinem Buch, die Sie dabei unterstützen darf, diese Exzellenz zu erreichen.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Sie stellen in Ihrem Buch ausführlich Methoden zur inhaltlichen und sprachlichen Ausarbeitung vor. Dazu gehören auch rhetorische Stilmittel und Storytelling. Welchen Stellenwert haben im Vergleich dazu Mimik, Körpersprache und Styling auf der Bühne?

ESTHER SCHWEIZER: Das eine ist die Pflicht. Das andere die Kür. Gerne spreche ich von dem Gesamtpaket:  Dramaturgie und Inszenierung. Das eine ergibt sich aus dem anderem. Mit anderen Worten: Auftritt und Wirkung. Mehrere Wirkkomponenten sowie Kompetenzen und Fertigkeiten wirken zusammen. Es ist vielen Auftretenden nicht immer bewusst, welche wirkungsvollen Signale mit der inneren Haltung, durch das Styling, Kleidung, Frisur, Schmuck gemeinsam mit Inhalt und Botschaft platziert werden können. Und ich sage es in aller Deutlichkeit: platziert werden sollen und müssen. Wie bleiben Sie in Erinnerung? Um den Begriff wieder aufzunehmen: Wie werden Sie als persönliches „Gesamtpaket“ wahrgenommen?

Ein Beispiel: Gerade wenn jemand noch wenig Bühnenerfahrung hat, wird oft außer Acht gelassen, welche Farben und Stoffe im Scheinwerferlicht wirken oder eben auch keine Wirkung erzielen. Fühle ich mich in der Kleidung wohl, schwitze ich? Können Schweißflecken sichtbar werden? Wie verändern sich Körperhaltung und Gestik in unbequemen Schuhen? Unterstützen angelernte körpersprachliche Haltung und Gestik meine Persönlichkeit? Werde ich als glaubwürdige und  authentische Persönlichkeit wahrgenommen? Bin ich stimmig, im wahrsten Sinne des Wortes? Vertraut die Zuhörerschaft mir? Vertraue ich mir? Letztendlich geht es immer um Vertrauen.

Oder ein anderes Bespiel: Bin ich eine brillante Rhetorikerin, verwende jedoch eine grottenschlechte Story zur Verdeutlichung eines Sachverhalts und spreche möglicherweise viel zu leise, zu laut oder nuschele, dann nützen mir meine Rede-begleitenden Gesten herzlich wenig. Oder wenn ich dem Publikum zu oft den Rücken zukehre, um Folientexte mit einem Laserpointer zu fixieren. Sie glauben gar nicht, wie viele sich über Eindruck und Wirkung beim Publikum überhaupt keine Gedanken machen.

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Mein Wunsch ist, dass die Frage „Stellenwert“ gleichwertig betrachtet wird. Aber auch hier gilt: Schritt für Schritt. Sonst tappen wir in die Perfektionismus-Falle und setzen uns unnötig unter Druck … und Zack war’s das: Körpersprache, Stimme und nichts stimmt mehr.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Eine brüllende Löwin taucht aus dem Gras auf: Was hat der urzeitliche „kämpfe-oder-fliehe-Reflex“ mit dem Bühnen-Auftritt zu tun und gibt es ein Rezept gegen Lampenfieber?

ESTHER SCHWEIZER: Mit diesem bildhaften Beispiel – andere sprechen auch gerne vom „Säbelzahn Tiger Effekt“, wird umschrieben, was in unserem Körper bei großer Nervosität, Anspannung oder Lampenfieber passiert: „Gefahr ist im Anmarsch“ und der Adrenalinspiegel im Blut bewegt sich auf die „Flucht- oder Kampf-Schwelle“ zu. Keineswegs möchte ich dieses Phänomen klein-reden oder übersteigert groß-reden. Der gut gemeinte Ausspruch, dass uns das verstärke Adrenalin erst den richtigen Kick für den Auftritt gibt, hilft auch nicht jedem wirklich weiter. Für mich ist es wichtiger, diesen „Kick“ gut und richtig zu verstehen und zwar individuell.  Der Auftritt ist ein extrovertierter Vorgang. Das mag eben nicht jede*r. Doch wenn Sie beruflich diesen Schritt auf die Bühne machen, gilt auch hier: Schritt für Schritt.

Es wäre wunderbar, wenn ich ein heilsames Rezept  gegen Lampenfieber für alle hätte – habe ich nicht. Täte ich so, machte ich mich unglaubwürdig; dass ist meiner Ansicht  nach unseriös. Aber Sie können sich folgende(n) Fragen stellen:

1. Was nehmen Sie wahr direkt nach einem Auftritt (wenn noch alles frisch und präsent ist)? Ist es Angst? Nervosität? Oder Lampenfieber?

Ist es Angst? Dann ist das – bitte verstehen Sie mich richtig – ernst zu nehmen und bedarf einer genaueren Analyse. Und: Angst zu haben ist keineswegs verwerflich und kein Makel. Doch fällt das nicht unter mein Fachgebiet „Auftritts- und Bühnentraining“. In einem vertraulichen Einzelgespräch versuche ich jedoch herauszufinden, wen oder was ich als Hilfe anbieten kann. Damit der Mensch nicht mit diesem „Outing“ auf der Strecke bleibt.

2. Welche Zahl auf einer Skala von 1 bis 10 geben Sie dem von Ihnen wahrgenommenen Gefühl?

Die Skala hilft, es ein wenig besser einzuordnen: Welche Heftigkeit verbirgt sich dahinter. Nehmen wir mal an, Sie entscheiden sich für die Zahl „6“, dass Sie die Empfindung als starke Ausprägung für ihr Lampenfieber einordnen. Oftmals empfehle ich, dass Sie wohlgesonnene Menschen z.B. nach einem Vortrag oder nach einer Präsentation befragen. Entscheidend ist, ob und wie Sie mit ihrem Empfinden von anderen Menschen wahrgenommen werden. Sehr häufig spielt unsere eigene Selbstwahrnehmung uns einen kleinen Streich. Andere Menschen nehmen uns einfach oftmals ganz, ganz anders wahr. Plötzlich fallen Attribute wie z.B. „Du wirkst auf mich so souverän und sicher. Was, Du hattest Lampenfieber … das habe ich nicht gemerkt“.

Das ist eine wichtige Erkenntnis. Unterstützt Sie das? Wunderbar. Wenn noch nicht „so wirklich“, dann gilt es z.B. in einem Coaching genauer hinzuschauen, um individuelle Hilfestellungen zu entwickeln. Einen kleinen persönlichen „To do Handwerkskasten“ kann man sich erarbeiten.

3. Wann äußert sich diese emotionale, körperliche Reaktion? Vor dem Auftritt? Beim Betreten der Bühne oder des Raumes? Spüren Sie es in ihren ersten Sätzen? Nehmen Sie es „bewusster“ wahr, weil Sie spüren, dass die Stimme zittert, ebenso die Hände? Herzklopfen? Wie lange begleitet sie dieses von Ihnen beschriebene Gefühl „Lampenfieber“?

Hier geht es um den zeitlichen, räumlichen und körperlichen Aspekt – des auftretenden Lampenfiebers oder der Nervosität. Je nachdem wie Sie es für sich auch und ganz besonders im Körper lokalisieren und wahrnehmen, kann der eine oder andere Tipp wie ein kleines Rezept wirken.

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4. Nehmen Sie es wahr, weil Sie sich vermeintlich unsicher fühlen? Wird es dann ein emotionaler Kreislauf? Nehmen Sie es wahr bei Zwischenrufen oder Zwischenfragen, sogenannte Störungen? Haben Sie vielleicht sogar ihre Mutter, ihren Chef oder eine andere beeindruckende Person im Publikum erblickt? Oder sie schauen in unbewegliche Gesichter. Starre Haltungen. Blicke, die auf das Displays geheftet sind …und plötzlich macht sich in ihnen ein mulmiges Gefühl breit – das kann dann sogar bis zu einem Blackout führen.

Mein erster Tipp – zu allen Aspekten: Atmen. Ausatmen. Einatmen. Oft erlebe ich, das Bühnenakteure, ihr Lampenfieber oder ihre Nervosität, mit einem kurzen Atemstillstand quittieren oder zu flach kurzatmig ein- und wenig ausatmen. Doch gerade in dieser für Sie stressigen Situation benötigt Ihr Gehirn Sauerstoff. Sauerstoff, um weiter zu denken … und viel, viel wichtiger, dass der angespannte Körper wieder „loslassen“ und entspannen kann. Positiver Nebeneffekt. Diese Zäsur – die kleine Pause – wird ebenfalls vom Publikum ohne große Aufmerksamkeit  als wohltuend empfunden. Die Zuhörerschaft zieht oftmals für sich den Schluss „Oh. Ich bekomme volle Zuwendung – Aufmerksamkeit“. Klar, diese Atempause darf nicht überstrapaziert werden. Dann geschieht genau der gegenteilige Effekt. Kurzum: Ausprobieren. Üben. Sicherheit und Gespür für den richtigen Moment entwickeln.

Zweiter Tipp: Konnten Sie sich wieder auf Ihren Atem einlassen, ist das der nächste Schritt für eine bewusste Wahrnehmung. Der Atem und die rhythmische Abfolge: einatmen, ausatmen, Pause. Diese kleine Zäsur gibt Ihnen die Möglichkeit, bewusst in die belastende Gedankenwolke hinein zu atmen. Probieren Sie, die belastenden Gedanken „weg zu atmen“. Sie werden mit ein wenig Übung spüren, wie schnell das gehen kann. Klar, auch hier darf der Moment nicht überstrapaziert werden. Meist geschieht dies in weniger als gefühlten „21, 22“  Momenten. Ja, und bei Bedarf intensivieren Sie das Thema rund um die Atmung, in dem Sie z.B. einen vertiefenden Kurs z.B.  Atemtherapie, Yoga, Aufmerksamkeit oder für Mediation besuchen. Sie werden merken, wenn Sie dran bleiben, verändert es positiv ihre Wahrnehmung, ihre Körperhaltung und die innere Einstellung.

Dritter Tipp: Mentale Vorbereitung. Gibt es Glaubenssätze, die Sie unnötig belastend mit auf die Bühne schleppen? Schauen Sie mal, was sich möglicherweise „in Ihnen manifestiert“ hat und positiv bearbeitet werden darf. Ob Sie dies mit einer Klopf Technik, NLP oder in einem Impro Theater Workshops „unter die Lupe“ nehmen, oder es sich in einem Coaching genauer anschauen wollen: Es gibt immer mehrere Wege zum Ziel …

Vierter Tipp: Übung! Der Ernstfall macht den Meister. Suchen Sie gezielt nach Auftritts- und Übungsmöglichkeiten. Zielgruppe, Ort und Thema muss gar nichts mit Ihrem „eigentlichem“ Vortrags- oder Redethema zu tun haben. Wer gut oder sogar hervorragend vorbereitet ist stärkt das Selbstbewusstsein, entwickelt positive Routine sowie unterstützende Rituale. Von Mal zu Mal entwickelt sich dann sogar Freude. Freude am Auftreten. Freude daran, anderen Menschen Ihre Themen, Ihre Inhalte zu näher zu bringen und – Applaus zu empfangen.

Ja, und das dürfen Sie mir jetzt wirklich glauben: Kaum ein Mensch bemerkt Ihre tatsächliche und nur von Ihnen tief empfundene Unsicherheit oder Nervosität. Vielleicht benötigen Sie direkt nach dem Schritt ans Rednerpult ein paar Sekunden oder Minuten, bis Sie sich gefangen haben und fokussiert sind. Aber Sie wissen ja schließlich auch genau, wovon Sie reden.

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WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Sie geben Anleitungen für Atem- und Stimmübungen: Welche körperlichen Übungen nutzen Sie als Vortragsrednerin selbst vor dem Auftritt?

ESTHER SCHWEIZER: Als Theater Schauspielerin stand ich selbstverständlich ohne Mikrofon oder andere Schallverstärker – oftmals mehrstündig auf einer Bühne. Dazu war es unabdingbar sich entsprechend vorzubereiten. Für heutige Vortragsredner*innen haben sich die Auftrittsbedingungen enorm verändert. Ob mit einem Headset oder Handmikro, es gehört weiterhin dazu, dass ich mich „einspreche“. Das ist mit dem „Einsingen“ von Sängerinnen und Sängern vergleichbar.

Was tue ich konkret: Vor ein paar Jahren habe ich Ingeborg Honigmann mit ihrem wunderbarem Körperstimmtraining kennengelernt. Sie hatte viele Jahre an der damaligen Staatlichen Schauspielschule in Ostberlin unterrichtet. Das war eine Offenbarung für mich. Während meiner damaligen Schauspielausbildung an der Otto Falckenberg Schule im Fach „Sprecherziehung“ wurde der Körper noch nicht so mit einbezogen, wie es heute „Gang und Gebe“ ist. In der damaligen DDR gehörte es jedoch selbstverständlich mit dazu.

Aus dem Training mit Frau Honigmann habe ich ein kurzweiliges „Business Stimmfit für den Tag“ entwickelt. Das ist die Grundlage für meine eigene Vorbereitung. D.h. eine gewisse körperliche Fitness ist meine Basis. Aus meinem Repertoire „Warm-up für die Stimme“ gehört es unabdingbar dazu und das funktioniert sogar in einem Auto:

„Einsummen“: Summen Sie ein „mmmm“ oder ein „nnnnn“. Kiefer leicht dazu bewegen. Wer mag – das klappt im Auto ebenfalls hervorragend – singt. Singen macht gute Laune und kräftig die Stimme.  Jedoch – und das ist wichtig – nur das druckfrei intonierte „mmmmm“ entspannt den Kehlkopf und entlastet die Stimmbänder. Eine wunderbare Übung gerade und besonders nach einem anstrengendem „VielSprechertag“, dazu gehört übrigens auch das Telefonieren.

Plappern, blödeln nenne ich eine weitere Übung. Selbst bei einem minimalem Zeitfenster (auch im Auto – nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln) spreche ich – wieder druckfrei intoniert – ein paar Sekunden, bei guter Laune auch minutenlang, die Silben „Blabla“, Balala, Balalalo“ – meist nehme ich wirklich alle Vokale einmal durch …

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Direkt vor dem Auftritt lasse ich mich mental auf den Raum ein und „erspüre“ den Raum; die Weite. Wenn möglich „durchschreite“ ich den Raum mit kleinen Bewegungsübungen. Spüre ich dann unmittelbar vor dem Auftritt noch eine gewisse Anspannung, schüttle ich mich einmal kräftig aus: Arme, Hände, Beine, ach, einfach der gesamte Körper. Wenn’s passt mit Ton, einem kräftigem Ausatmen. Die bewusste Atmung gehört unabdingbar dazu und ist – ja, dass meine ich vollkommen ernst – eine körperliche Übung. Das muss nicht perfekt aussehen und nicht perfekt gemacht sein. Ich tue es für mich! Immer unter der Prämisse „Das Beste, was möglich ist, ist richtig und gut“.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Immer wieder gehen Sie auf das Thema Perfektion ein: Wie gehe ich während des Vortrags mit Pannen, Fehlern und Versprechern um?

ESTHER SCHWEIZER: In der Ruhe liegt meist die Kraft und eine Prise Humor. Atmen nicht vergessen. Nicht immer einfach. Daher habe ich für Sie einen Praxistipp. Ich nenne es den Notanker zum Wiederaufnehmen des Fadens:

Unabhängig davon, ob wir uns mit einem Fadenriss (Filmriss), einem klassischen Freud‘schen oder einem banalen Versprecher selbst aus dem Konzept gebracht haben: Schnelle und wirksame Hilfe tut nun Not. Dabei sollten Sie auf keinen Fall in Hektik oder Panik verfallen, diese archaisch verdrahteten Zustände verschlimmern die Gesamtsituation noch weiter. Die beste Möglichkeit: Einfach mal verdutzt gucken oder tief ein- und wieder ausatmen. Dann die Flucht nach vorn antreten – Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung! Wenn Sie das Gefühl haben, nur ein Teil des Publikums hat Ihren Schnitzer bemerkt, weisen Sie doch auch den Rest unmissverständlich darauf hin: „Haben Sie’s grad‘ gemerkt? Das war ein klassischer Freud‘scher Versprecher! Ist vielleicht ein Therapeut im Saal, der heute Abend noch einen Notdiensttermin frei hat?“ oder:  „Ooops, jetzt habe ich doch tatsächlich den Faden verloren! Kann sich vielleicht jemand außer mir noch an meine letzten Worte erinnern? Es gibt auch echte Fleißpunkte dafür!“, vielleicht auch „Voila, jetzt habe ich mir auf YouTube auch einen Ehrenplatz im Best-Of der peinlichsten Versprecher gesichert. Ich hoffe aber, Sie haben mich dabei wenigstens von meiner Schokoladenseite gefilmt.“

Seien Sie also immer selbst derjenige, der Ihnen Salz in die Wunde streut, wenn es nötig wird. Bleiben Sie aber immer menschlich dabei, Ihre Sympathiewerte klettern dann auf bisher unerreichte Höchstwerte.

Eine bewährte Variante, die ebenfalls von Profis genutzt wird sind die Moderationskärtchen. Kurz und gut. Warum nicht einfach mal ausprobieren: Pannen oder Versprecher mit  vorbereitetem Moderationskärtchen überwinden. Falls Sie keine verwenden oder auf keinen Fall verwenden wollen, tut es, wenn’s möglich ist, ebenso der „Erinnerungs-Blick“ auf das Display Ihres „Präsentations Rechners“ oder Sie klicken bewusst noch  einmal auf die letzte Folie zurück. Mit den Worten „Hierzu ist mir eben noch eine Kleinigkeit eingefallen … Denn wie heißt es doch immer wieder so schön „Nicht die Übung macht den Meister, sondern der Ernstfall“. © Billy (*1932)

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WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Sie haben nicht nur selbst als Schauspielerin und Referentin, sondern auch aus dem Training und Vortrags-Coaching jahrelange Erfahrung als Bühnen-Profi: Was sind die drei wichtigsten Ratschläge, die Sie Referent*innen mit auf den Weg geben möchten?

ESTHER SCHWEIZER:

  1. JA, sagen
    wenn Sie angefragt werden, ob Sie eine Rede halten oder eine Präsentation darbieten können: Ja, sagen. Dann durchatmen …
  2. Vorbereitung
    Das ist unabdingbar. Zeit dafür einplanen. Zeit reservieren und tun. Ohne ins Tun zu kommen kann keine Vorbereitung umgesetzt werden.
  3. Üben
    Das Üben hat neben dem Verinnerlichen von Wissen, Fähigkeiten sowie von Ihren Inhalten und Ihrer Botschaft den unschlagbaren positiven Nebeneffekt, tiefe und belastbare Selbstsicherheit zu gewinnen und zu vergrößern. Damit bekommen Sie die oftmals unvermeidbare Nervosität und das Lampenfieber vor dem Auftritt vor einem Live-Publikum – schritt für Schritt – in den Griff.

Wir haben Esther Schweizer in vielen unserer GENERALPROBEN live auf der Bühne und bei der praktischen Arbeit mit unseren Rednerinnen erlebt. Ihre Übungen sind jedes Mal erstaunlich wirkungsvoll. Dabei geschieht alles mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Genau wie in Ihrem Buch ist Esther dabei ebenso unterhaltsam wie motivierend. Danke für das Interview!


Profil von Esther Schweizer

000123_profilFrau Schweizer ist Expertin für Bühne, Stimme, Ausdruck und Wirkung. Sie  ist ein Bühnen-Profi und vermittelt ihr Know-how so, dass jede*r im Publikum darauf brennt, es sofort umzusetzen. Es geht um den richtigen Einsatz von Stimme und Körper, um den wirkungsvollen Auftritt, darum, mit Sicherheit zu überzeugen. Esther Schweizer trainiert das Instrumentarium einer virtuosen Sprechweise und vermittelt das rhetorische Rüstzeug.  Esther Schweizer verpasst selbst dem*der gestandenen Keynote-Speaker*in Dynamik und den letzten Schliff. Sie ist klassisch ausgebildete Schauspielerin, Kommunikationstrainerin und Autorin. Sie verfügt über 20 Jahre Erfahrung auf der Bühne, in TV und Radio. Esther Schweizer ist Rede – (Sprech) – Coach und unterstützt mit ihrem Präsentations- und Auftrittstraining Fach- und Führungskräfte sowie Unternehmen.

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