WOMEN SPEAKER FOUNDATION: „Der Mensch als Risikofaktor bei Wirtschaftskriminalität“ ist der Titel Ihres neuen Buches. Es liest sich stellenweise wie ein Krimi und man bekommt sogar Einblicke in die Arbeit und die Techniken eines Profilers. Ein Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema Social Engineering – dabei geht es um die Art, wie wir denken, Vorurteile und Taktiken der Manipulation. Was genau ist Social Engineering, und wen betrifft es?

Sonja Stirnimann: Social Engineering ist nichts anderes als: «Hacking without a code». Kurz: „Social Engineering beinhaltet jede Aktion und Methode, welche ein Individuum in ihrem Verhalten so beeinflusst, dass diese nicht zwingend in ihrem eigenen Interesse ist. “ Die Methoden und Techniken sind so alt wie die Menschheit. Täglich praktiziert. Beeinflussend oder manipulierend. Der grosse Unterschied liegt in der Absicht. Es betrifft jeden einzelnen von uns.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Panama Papers, Offshore Leaks, Datenklau und Cyberattacken: Die Medien berichten beinahe täglich über Wirtschaftsdelikte im „Cyberspace“ – was sind die typischen Verhaltensmuster von Verantwortlichen in Unternehmen, wenn es zum Ernstfall kommt?

Sonja Stirnimann: Typische Muster gibt es nicht. Sehr auffällig ist jedoch, dass viele Betroffene auf ihre eigene Art paralysiert sind. Andere werden hyperaktiv, kommunizieren – leider auch sehr oft zu Ungunsten von ihnen als Verantwortungsträger wie auch des Unternehmens, für welches sie an vorderster Front stehen. Die grosse Ungläubigkeit, dass ausgerechnet sie selber betroffen sind, löst oft grosse Scham aus. Was sie daran hindert, handlungsfähig zu bleiben und dem Unternehmen entsprechend einen noch höheren potentiellen Schaden zufügt.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern wenn es um Ernstfälle im Bereich Non-Compliance, Cyber- und Wirtschaftskriminalität geht?

Sonja Stirnimann: Der grosse Unterschied liegt darin, dass Frauen auch in der heutigen Zeit seltener einflussreiche Positionen innehaben und darum weniger Zugang zur Macht oder im Sinne des Fraud-Dreieckes, die Gelegenheit fehlt. Wenn die sogenannten Treiber – zum Beispiel hergeleitet anhand des Fraud-Dreiecks – zutreffen, steckt in allen Geschlechtern Potential, dass die kriminelle Energie durchdringt.

Fraud_Dreieck_Cressey

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Mit Ihrem Buch sensibilisieren Sie für mögliche Gefahren und Sie eröffnen Entscheidungsträgern betroffener Unternehmen proaktive Handlungsoptionen. Als erfahrene Expertin insbesondere in der Finanzwirtschaft geben Sie konkrete Arbeitshilfen: Von der Prävention bis zum Ernstfall – gibt es eine Roadmap im Umgang mit Cyberkriminalität, der Unternehmen folgen können?

Sonja Stirnimann: Ihnen diese Roadmap hier zu erläutern würde den Rahmen sprengen. Was der wichtigste erste Schritt ist, hört sich für viele zu simpel an – und trotzdem wird es nicht durchgängig gemacht. Es ist die Sensibilisierung für die Thematik zur Erhöhung der Risikointelligenz. Das Territorium Cyber birgt neue Chancen und Gefahren. Ein Risiko hat immer ein «upside» und ein «downside» und genauso ist es zu behandeln. Je digitaler wir werden, desto grösser ist die Chance, dass wir im Territorium Cyber unterwegs sind und auch diesen damit verbundenen Risiken ausgesetzt sind.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Wie muss sich Leadership vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrung im Hinblick auf die Entwicklungen in der Dimension der Cyberwelt verändern?

Sonja Stirnimann: Das größte Handicap der Menschheit ist die Adaption an neue Gegebenheiten. Wir sind kognitiv nicht schnell genug. Das hat mit unserem Wesen zu tun. Bereits die Erkenntnis, dass die aktuelle Geschwindigkeit unsere Kapazitäten diesbezüglich überfordern, ist wichtig. Die bereits angesprochene Sensibilisierung trägt einen weiteren wesentlichen Beitrag. Und als Leader eines Unternehmens geht es in erster Linie darum, die eigene Cyber-Resistenz und -Resilienz auf- und auszubauen. Diese wiederum ist abhängig von dem Grad der Entwicklung der individuellen Risiko-Intelligenz. Die gilt es zu erarbeiten und auf dem Laufenden zu halten.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Für wen haben Sie das Buch geschrieben, wer sollte es unbedingt gelesen haben?

Sonja Stirnimann: Für alle, welche sich für das Zusammenspiel von Mensch, Technik und Gesellschaft im 21. Jahrhundert interessieren. Insbesondere für Menschen, die Eigenverantwortung übernehmen und je nach Rolle und Funktion in unserer Wirtschaft, Gesellschaft einen aktiven Beitrag zur Prävention wie auch der professionellen Reaktion in einem Ereignis leisten wollen und insbesondere ihre Handlungsfähigkeit nicht aufs Spiel setzen. Einer der strategischen Wettbewerbsvorteile in der heutigen Zeit ist die Risiko-Intelligenz!


 

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